• Das Wiener Akademische Gymnasium

  • Ein kurzer Blick auf die Geschichte des Hauses von Prof. Robert Winter

    Gründung auf Initiative von König Ferdinand I. (Kaiser von 1556 - 1564) durch den Jesuitenorden, öffentliche Lehranstalt seit 4.3.1553. Die Gründung war Teil eines großen Reformprogramms ("Nova Reformatio"), das die schädlichen Folgen der Glaubensspaltung (protestantischer Einfluss auf den Klerus und die Wiener Universitätsprofessoren) aufheben sollte.

    Der Unterricht vereinigte Wissensvermittlung mit religiöser Erziehung.

    Die Lehrer waren Jesuitenpatres, das Unterrichtsziel war Gewinnung von Nachwuchs für den Orden und die Heranbildung einer geistigen Elite junger Männer, vorbildlich in Sitten und Charakterfestigkeit, die später treue und verlässliche Staatsbeamte werden sollten.

    Gliederung der Lehranstalt vom Ende des 16. Jhdts. bis 1773 (Aufhebung des Jesuitenordens)
    4 Jahre Unterstufe = "Grammatikalklassen"
    2 Jahre Oberstufe = "Humanitätsklassen" (Klasse der "Poeten" und "Rhetoren").
    Die Zahl der 6 Klassen (ohne Matura) blieb bis zur österr. Gymnasialreform 1849 bestehen.

    Lehrstoff vom ersten bis zum sechsten Jahr: möglichst vollkommene Beherrschung der lateinischen Grammatik - Literatur lat. Schriftsteller und Dichter - lat. Stilübungen, rhetor. und poetische Übungen (Verse bilden), Erwerbung einer vollendeten Ausdrucksweise beim mündlichen Gebrauch des Lateinischen, geschult an den Klassikern der lat. Sprache (Cäsar, Sallust, Livius, Cicero, Vergil und Horaz), - Übersetzungen vom Lateinischen ins Deutsche, Übertragungen lat. Gedichte ins Griechische, Übertragungen von Gedichten von einer Versform in eine andere.

    Griechisch ebenfalls vom ersten bis zum sechsten Jahr, doch beschränkt auf ein geringeres Zeitausmaß. Erarbeitung der Literatur bis zu ausgewählten Teilen aus Platon, Demosthenes, Thukydides, Hesiod, Pindar und Homers Ilias.

    Etymologische, mythologische, historische und geographische Erläuterungen begleiteten das Erarbeiten der Literatur (keine eigenen Gegenstände). - Es war das Klassenlehrersystem eingeführt = ein Lehrer für jede Klasse für den gesamten Unterricht.

    Didaktische und pädagogische Besonderheiten: Deklamationen, Redeübungen, Aufführungen von Szenen mit verteilten Rollen, von Theaterstücken, vor allen in lateinischer Sprache in der Aula oder in der Kirche. Leistungsteigerung wurde erzielt durch Anspornen des Ehrgeizes bei Wettkämpfen (concertationes) einzelner gegen einzelne, Klassenhälften gegeneinander, Klassen gegen Klassen. In der Oberstufe: Schulung im Argumentieren und Disputationen. Die besten Schüler vereinigten sich zu "Schülerakademien" (= Schülerarbeitsgemeinschaften), die unter weitgehender Selbstverwaltung außerhalb des Unterrichtes den Lehrstoff wiederholten und vertieften. - Am Ende des Schuljahres gab es einen allgemeinen mehrtägigen Schülerwettbewerb mit feierlicher Prämienverteilung; in einer glanzvollen Theateraufführung präsentiere sich die Schule dann vor den Hauptferien vor der Öffentlichkeit.

    Auf den praktizierten katholischen Glauben (tägliche Messe, Sakramentempfang, Schülerkongregation) legten die Jesuiten größeren Wert als auf religiöse Wissensvermittlung).

    Auf körperliche Erholung und geistige Entspannung wurde bei der Jesuitenerziehung nicht vergessen (Ausflüge, Musizieren, Gespräche in der Muttersprache).

    Die Unterrichtssprache war Latein, außer in den untersten Klassen; auch im Konvikt (für ärmere Schüler) und in den Bursen (Wohnheime für Schüler und Studenten auf Grund von Stiftungen) waren die Schüler angewiesen, untereinander lateinisch zu sprechen.

    Die Hauptferien dauerten von Herbstbeginn (21.9.) bis Allerheiligen (1.11.).

    Der Schulstandort war seit der Vereinigung des Jesuitenkollegiums mit der Universität (1623) unter Kaiser Ferdinand II. ( 1619 - 1637) im neu errichteten Universitätsviertel (heute Dr. Ignaz-Seipel-Platz - Bäckerstraße - Postgasse - Schönlaterngasse). Name: "die (niederen) Schulen", "Gymnasium an der Universität", "Universitätsgymnasium", später "Akademisches Gymnasium".

    Diese Eigenarten des Gymnasiums erhielten sich im wesentlichen bis zur Aufhebung des Jesuitenordens 1773 durch Papst Klemens XIV. Frühaufklärung, Aufklärung, Merkantilismus, allmähliche Einführung und Zunahme des Berufsbeamtentums forderten eine Umstellung des Gymnasiums in seiner Zielsetzung und seiner Pädagogik: mehr vaterländische Geschichte, mehr Mathematikunterricht, Schulung im deutschen Schriftverkehr, Kenntnis der deutschen Literatur, bessere geographische und naturwissenschaftliche Kenntnisse sowie Schaffung von Möglichkeiten zum Erlernen lebender Fremdsprachen waren gefragt, weniger Auswendiglernen und Erziehung zur eigenen Meinungsbildung waren gefordert. Diese Ansprüche erfüllte der Piaristenorden in der Nachfolge der Jesuiten, besonders seit Inkrafttreten der Gymnasialreform des Piaristen P.Gratian Marx (1781 - 1810), des früheren Präfekten des Wiener Piaristengymnasiums. Im Gymnasium sollte jetzt der Geist der Aufklärung und der Philantropie herrschen; der Staat übte dabei eine Kontrollfunktion aus; seit 1784/85 wurde auch Schulgeld verlangt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Unterricht in den Realien und in Deutsch noch verstärkt. Nach Einführung und Wiederabsetzung einiger kleinerer Reformen kam es dann zur

    Gymnasialreform 1849 von Exner-Bonitz (Univ. Prof. Dr. Franz E. und Gymnasialprof. Hermann B.) unter dem Unterrichtsminister Leo Graf von Thun-Hohenstein. Es gab jetzt das 8-klassige Gymnasium mit der "Maturitätsprüfung" als Abschluss.

    Bildungsziel: breit gestreute Allgemeinbildung auf sprachlich-historischer und mathematisch-naturwissenschaftlicher Basis, auch mit "Freigegenständen", z.B. Zeichnen, "Gesang", Turnen, Französisch und Englisch nach Möglichkeit; bald kam auch "Philosoph.Propädeutik" (=Philosophie) als Pflichtgegenstand hinzu. Erste Maturanten: am Ende des Schuljahres 1850/51; von den zur Matura Zugelassenen maturierten 40% mit Auszeichnung, andere hatten die Schule schon im Laufe der 8. Klasse freiwillig verlassen. Seit 1850 war die Schule ein staatliches Gymnasium. Parallelklassen gab es seit dem Schuljahr 1854/55, ein neues, größeres Gymnasialgebäude wurde auf dem später so genannten Beethovenplatz errichtet.

    Das Akademische Gymnasium wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr zu einer Hauptbildungsanstalt der Söhne des Bildungsbürgertum des österreichischen Kaiserstaates, besonder der liberal-bürgerlich-kulturellen Elite Wiens.

    In der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts wurde die Schule am stärksten von allen Wiener Gymnasien von den Söhnen jüdischer Familien besucht.

    Die ersten Schülerinnen maturierten 1886 und 1887 (je eine Externistin), seit dem Schuljahr 1896/97 gab es aber fast jedes Jahr Maturantinnen; allgemeine Aufnahme von Mädchen in die Schule seit 1949/50.

    Nach dem Ersten Weltkrieg gab es einen starken Rückgang der Schülerzahlen: Verlust der Attraktion der Schule als ein humanistisches Gymnasium, doch konnte eine drohende Schließung verhindert werden.

    1938: die "rassejüdischen" Schüler müssen die Schule verlassen ("Umgeschult" am 28.4.1938), ein Teil der Schüler hatte sich schon vor diesem Datum abgemeldet. Gesamtverlust: etwa 50% der Schüler.

    Das Akademische Gymnasium hat in seiner Geschichte eine große Anzahl auch weit über Österreich hinaus bekannter Persönlichkeiten hervorgebracht, darunter den Nobelpreisträger Erwin Schrödinger (1933). Walter Kohn musste als einer der Umgeschulten 1938 die Schule in der 5. Klasse verlassen. Oberstudienrat Prof. Dr. Wolfgang Wolfring machte das Gymnasium ab 1960 als Stätte klassischer griechischer Dramenaufführungen auf höchstem künstlerischen Niveau allgemein bekannt.

    Hinweis: Winter, Robert. Das Akademische Gymnasium in Wien. Vergangenheit und Gegenwart. Wien-Köln-Weimar 1996. Illustr.416 S. (Böhlau Verlag).