Im EdTWIN-Eilzug durch die ungarische Sprache und Kultur



Wussten Sie, dass das Wort „Hallo“ angeblich aus dem Ungarischen kommt und ursprünglich mit einem Gruß gar nichts zu tun hatte?* Dass Imre Kertész eigentlich Kertész Imre und wörtlich ins Deutsche übersetzt Emmerich Gärtner heißt? Dass „Schmied“ alias „Kovács“ in Ungarn der zweithäufigste Name ist?

Wir, die SchülerInnen der 6C und ich, ihr Klassenvorstand, hatten von den Geheimnissen des Ungarischen nur wenig Ahnung – bis zu einem von der EU geförderten EdTWIN-Sprachenworkshop im Jänner 2010, der in vier Tagen unser Wissen über das rot-weiß-grüne Nachbarland und seine Sprache grundlegend veränderte. Geführt von unserer jungen, höchst engagierten Lehrerin Mag. Timea Farkas, tauchten wir vier Tage lang für jeweils acht Stunden in die ungarische Sprache und Kultur ein. Was für ein Glück, dass sich das Hirn in den erst kurz zurückliegenden Weihnachtsferien eine Erholungsphase gegönnt hatte! Denn frische Energien waren für das dichte Programm dieses Crashkurses wahrlich nötig.

Zu Beginn zeigte sich Ungarisch ja noch von seiner einfachen Seite. Am Ende des ersten Tages konnten wir höflich grüßen („Jó napot!“ „Jó estét!“) und danken („Köszönöm“), uns namentlich vorstellen („A nevem Gabriele.“) und Befindlichkeiten austauschen („Hogy vagy?“- „Köszönöm, jól.“). Die wichtigsten Ausspracheregeln hatten wir durch beharrliches Üben weitgehend verinnerlicht. Wir wussten, dass ein [gjörgi] im Ungarischen nicht existiert, nur ein [djördj] und dass die so angesprochene Person, stolzer Träger des Namens „György“, im Deutschen Georg heißen würde.

Am zweiten Morgen zauberte zunächst ein vielstimmiges „Jó reggelt!“ ein fröhliches Lächeln ins Gesicht unserer Lehrerin. Entspannt wurde das am Vortag Erlernte wiederholt und geübt. Doch mit zunehmender Workshopdauer zeigte sich, dass Ungarisch nicht umsonst den Ruf einer komplexen Sprache genießt. Der Schwierigkeitsgrad stieg direkt proportional zur Zahl der Unterrichtsstunden. Wir wurden auf Ungarisch einkaufen geschickt, mussten nach dem Weg fragen und einen Dialog mit einem Kellner in einem Restaurant führen.



Das Vokabular erweiterte sich im Minutentakt. Ein Blick auf die Grundregeln der ungarischen Grammatik brachte die Köpfe schließlich zum Rauchen. Die Raumtemperatur stieg erstaunlich an, ständiges Lüften wurde trotz der kalten Jahreszeit unvermeidlich. Die Theorie, dass die strenge Logik der ungarischen Sprache dem logisch-mathematischen Denken förderlich ist, war hier kein Trost. Die ungarische Sprache ziert sich, will umworben, ja sogar erobert sein. Einfach ist sie wirklich nicht. Geradezu ärgerlich erscheint die Unmöglichkeit, mit Hilfe der eigenen Muttersprache oder schon erlernter Fremdsprachen erfolgreich Eselsbrücken zu konstruieren. Um sich ein so simples Wort wie „olvasni“ (lesen, Infinitiv) einzuprägen, helfen weder Deutsch, noch Englisch, Französisch oder Latein.

Zum Glück wurde der manchmal frustrierende Kreislauf von Lernen, Üben und Vergessen von zahlreichen (ent)spannenden Aktivitäten unterbrochen. Ungarn-Plakate wurden entworfen und mit ungarischen Leckereien prämiert. Videos gewährten Einblicke in die ungarische Mentalität, in aktuelle Musiktrends und alte Traditionen. Allgegenwärtig waren drei oder vier Rubik-Würfel, welche einige Hände unentwegt beschäftigten. Trotz geradezu leidenschaftlicher Beharrlichkeit im Drehen und Wenden musste schließlich Internethilfe beansprucht werden, um dem Geheimnis des Zauberwürfels auf die Schliche zu kommen.



Krönender Abschluss des EdTWIN-Sprachenworkshops war unser Outdoortag in Sopron, Heimatstadt nicht nur unserer Ungarisch-Lehrerin, sondern auch unserer Administratorin Mag. Katalin Novotny-Török, die uns freundlicherweise begleitete und unterstützte.

Nun sollte sich zeigen, was in der Hitze des dreitägigen Sprachlerngefechts tatsächlich hängen geblieben war, denn nach einem gemütlichen Vormittag mit Rätselrallye, kleinen Gruppenaufgaben und zünftigem Mittagessen wartete eine große Herausforderung auf die SchülerInnen der 6C: die Begegnung mit acht etwa gleichaltrigen ungarischen Jugendlichen. Verordnete Kommunikationssprache: Ungarisch.

Man traf einander vor der Schule der Ungarn: 21 WienerInnen und acht junge SopronerInnen, die sich bereit erklärt hatten, ihren Freitagnachmittag mit den Wiener SchülerInnen zu verbringen.



Zunächst beäugt man einander kritisch. Man bricht zu einem alten ungarischen Palais auf, wo man gemeinsam Csardas tanzt. Die Stimmung steigt mit dem Tempo des Tanzes. Die SopronerInnen werden auf die Wiener Gruppen verteilt. Man betrachtet einander schon freundlicher. Normalerweise würde man jetzt versuchen auf Deutsch oder Englisch zu kommunizieren. Aber die drei begleitenden Lehrerinnen achten unerbittlich auf Einhaltung der Spielregeln. Heute heißt es nicht „Hello. What’s your name?“, sondern „Szia. Mi a neved?“



Die WienerInnen kramen ihre Spickzettel heraus, eine fast unentbehrliche Hilfe, sollen sie doch ihre Soproner AltersgenossInnen auf Ungarisch aushorchen: Name, Alter, Wohnort, Hobby, Familie, Lieblingsspeise und -musik – all dies muss in einer halben Stunde erfragt und zusammengefasst werden. Die Gespräche kommen teilweise etwas stockend in Gang. Aber schließlich bewältigt jede Gruppe die gestellte Aufgabe, kann auf der Bühne „ihre“ Sopronerin oder „ihren“ Soproner auf Ungarisch präsentieren und wird mit heftigem Applaus belohnt. Stolz erkennt man, dass die Mühen des Ungarisch-Lernens nicht umsonst waren.

Kaum ist jedoch die Vorstellungsrunde vorüber, findet der von den Lehrerinnen mit so großem Einsatz verhinderte Sprachwechsel statt: Man hört nur noch Englisch und Deutsch. In Windeseile werden Facebook-Einladungen ausgesprochen und E-Mail-Adressen ausgetauscht. Das junge Europa reitet schnell, und dabei scheint es diesen jungen Leuten auf die eingesetzte Sprache nicht wirklich anzukommen. Sprachen sind für sie Werkzeuge, die sie einsetzen um zu kommunizieren – nicht mehr und nicht weniger. Auf dem Weg zum Bus überholt uns auf der anderen Straßenseite ein hübsches Mädchen mit Zöpfen, eine „unserer“ Ungarinnen. Sie winkt fröhlich herüber. „Auf Wiedersehen!“ „Viszlát!“ antwortet ein Chor. Was für ein Unterschied zur ersten distanzierten Begegnung vor wenigen Stunden!

„Und was bleibt?“ höre ich kritische Stimmen fragen. Nun, wir, die KursteilnehmerInnen haben gelernt, uns auf sehr einfache Weise auf Ungarisch zu verständigen. Wer regelmäßig nach Ungarn fährt, wird diese Kenntnisse üben und vertiefen. Wer dies nicht tut, hat sich erfolgreich einer echten Herausforderung gestellt. Und jede Sprache, für deren Strukturen wir Verständnis entwickeln, und sei es auch noch so rudimentär, bedeutet ein Veränderung, ja Erweiterung unseres Blicks auf die Welt.

Was die Begegnung mit der anderen Kultur betrifft, die durch EdTWIN-Projekte gefördert werden soll, so steht eines fest: Ohne den Ungarischkurs hätten diese jungen SopronerInnen und WienerInnen einander nie kennen gelernt. Die WienerInnen hätten auch nicht die Möglichkeit gehabt, ihr Interesse an der Kultur der Soproner Jugendlichen auf Ungarisch, also jenseits aller deutschsprachigen Lippenbekenntnisse zu demonstrieren. Und Menschen begegnen einander offener, wenn sie zumindest das Bemühen des anderen erkennen, die eigene Sprache zu lernen. Insofern hat dieses EdTWIN-Sprachenworkshop sein explizit formuliertes Ziel erreicht: das Interesse für die Sprache und Kultur der Nachbarländer zu wecken, die Mehrsprachigkeit und den interkulturellen Dialog zu fördern – und damit hoffentlich zu einer besseren Zusammenarbeit der Menschen in Centrope beizutragen.


* Tivadar Puskás, der die Pläne für die ersten Telefonzentralen und Boston und Paris entwarf, soll 1877 bei der Testung einer Telefonleitung, als er zum ersten Mal die Stimme seines Gesprächspartners hörte, aufgeregt „hallom“ (ung. „ich höre etwas) gerufen haben. Durch Wegfallen des „m“ soll daraus das allseits bekannte „Hallo“ entstanden sein.


Dr. Gabriele Eder-Lindinger


Was die Wiener SchülerInnen selbst rückblickend über ihr EdTWIN-Sprachenworkshop sagen, ist im Folgenden nachzulesen:

Unser Ungarisch-Workshop war eine durchaus erfrischende Alternative zum regulären Unterricht und obwohl nur wenig Sprachliches hängen blieb, haben wir viel über die Kultur und das Land Ungarn selbst erfahren.

Michal Hain


Der Ungarisch-Workshop war eine lehrreiche Erfahrung, die mir aber auch bestätigt hat, dass ich das Erlernen einer romanischen Sprache bevorzuge. Die abschließende Exkursion nach Sopron hat mir allerdings sehr gut gefallen

Julia Huber


Ungarn, Ungarn, Herz Europas, Herkunftsland der Telefonzentrale, Thermen an jeder Ecke. Wir lernten nicht nur eine Sprache, wir lernten von einem Land, einem aufstrebenden Land voller Hoffnung. Engagiert und liebevoll, so war unsere Trainerin, der Kurs ein interessantes Erlebnis. Auch wenn wir nicht alles glauben sollten, was uns erzählt wurde, so denke ich, dass wir unseren Nachbarn ein großes Stück näher gekommen sind.

Bruno Kratochvil


Szia! Mir hat unser Ungarisch-Workshop sehr gut gefallen, vor allem weil ich nicht gedacht hätte, dass einem innerhalb von drei Tagen eine Sprache so nahe gebracht werden kann und man so viele interessante Dinge lernen kann! 

Sophie Wagner